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Bündnis 90/Die Grünen

im Landkreis Ebersberg

Informationsveranstaltung "Bio sucht Bauer" am 30.11.2015 Café Glashaus Grafing, 19:00

Einleitung

Auf Einladung des Grünen Ortsverbands Grafing, des Bund Naturschutz Grafing und der Grafinger Ortsgruppe der Bewegung Transition Town / Stadt im Wandel fand am 30.11.2015 eine Informationsveranstaltung zum Thema "Bio sucht Bauer" statt.

Der Veranstaltungsraum im Glashaus war sehr gut besucht, viele der Anwesenden waren Bauern, darunter auch Biobauern, sowie solche, die es werden wollen. Auch Angelika Obermayr, die Erste Bürgermeisterin von Grafing, war anwesend.

Die Initiative zu dieser Veranstaltung geht auf Ottilie "Otti" Eberl zurück, Mitgründerin des seit 30 Jahren existierenden Grafinger Ortsvereins der Grünen und bis 2014 langjähriges Mitglied des Grafinger Stadtrats. Das Hauptanliegen dieser Veranstaltung war, dass Bauern und Verbraucher die seltene Gelegenheit bekommen, sich kennenzulernen. Als Referentin war Gisela Sengl eingeladen, agrarpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag. Otti Eberl illustrierte ihren Wunsch nach einer Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie, mit der Vision einer Grafinger Landschaft, die nicht mehr von Maisfeldern geprägt ist, sondern von Tieren auf der Weide. Gegenwärtig gibt es in Grafing zwei Biobauern, die einem Verband angehören, sowie einen, der sich gerade in der Umstellung befindet.

Solidarische Landwirtschaft

Ein Vertreter von Transition Town Grafing stellte die Idee einer solidarischen Landwirtschaft vor. Der Kern dieses Konzepts besteht darin, dass eine Gemeinschaft von Verbrauchern Mitverantwortung an der Produktion übernimmt und regelmäßig einen festen Betrag an einen Bauern zahlt. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder der Gemeinschaft einen festen Anteil an der Ernte. Um die Entwicklung einer solchen Solidargemeinschaft für Grafing zu initialisieren, will Transition Town Grafing Anfang 2016 einen Stammtisch ins Leben rufen.

Praxisbeispiel: Bio-Hofladen von Gisela Sengl

Gisela Sengl schilderte die Praxis auf dem Bauernhof ihrer Familie als funktionierendes Beispiel für einen Bio-Bauernhof. Der in der Dorfmitte von Sondermoning im Chiemgau gelegene Hof verfügt über eine Fläche von insgesamt 20 Hektar, worauf Feldgemüse sowie Feingemüse angebaut wird. Zwar erreichen Gemüsepflanzen im Chiemgau aufgrund der Bodenverhältnisse keine überragende Größe, was aber durch den Geschmack wettgemacht wird; Qualität geht hier vor Quantität. Seit der Umstellung auf biologische Landwirtschaft im Jahr 1984 wird die Produktion direkt vermarktet, was zwar ein zusätzliches Aufgabenfeld, dafür aber größere Unabhängigkeit mit sich bringt. Mit der Direktvermarktung ist es möglich, angesichts der schlechten Marktpreise für Rohprodukte wenigstens einen Teil der Wertschöpfung zurück zum Erzeuger zu holen.

Eine Episode aus der Geschichte des Hofs zeigt, wie allzu strikte Kontrolle und Reglementierung einer artgerechten Tierhaltung entgegenstehen kann. Da beim Gemüseanbau regelmäßig Überreste anfallen, lag es nahe, zusätzlich Schweine zu halten. Doch nachdem 10 Schweine drei Jahre lang ein glückliches und gesundes Leben am Waldrand geführt hatten, schob das Veterinäramt dem Ganzen einen Riegel vor. Gemäß Veterinäramt hätten die Schweine eingezäunt werden müssen, da sonst die Gefahr bestehe, dass vorbeikommende Menschen die Schweinepest übertragen könnten. Zu ergänzen wäre, dass für eine solche Ansteckung vor allem Tiere in konventioneller Stallhaltung anfällig sind, die meist eine wesentlich schwächere Konstitution haben als Tiere in Freilandhaltung.

Wissensvermittlung

Ein großes Anliegen Gisela Sengls ist, dass das Wissen über die Erzeugung unserer Lebensmittel nicht weiter verloren geht. Aufklärungsarbeit tut also not, und zwar in zweifacher Hinsicht: als Verbraucher müssen wir wissen, welche Lebensmittel gesund und nachhaltig erzeugt sind, und als potentielle Selbstversorger hilft uns das praktische Wissen bei der Eigenproduktion. Letzteres gilt global, denn immer mehr Kleinbauern in Entwicklungsländern müssen aufgeben, weil ihnen die subventionierten Importe aus den Industrieländern den Markt kaputtmachen. Ein bekanntes Beispiel sind die Importe von Hühnerteilen in afrikanische Länder zu Dumpingpreisen.

Ironischerweise scheint es Defizite gerade da zu geben, wo die Vermittlung landwirtschaftlichen Wissens auf professioneller Ebene stattfindet. Insbesondere die Vertreter der jüngeren Generation von Bauern berichteten, dass die Lerninhalte stark auf industrialisierte Landwirtschaft und Produktionssteigerung ausgerichtet sind. Es entstand der Eindruck, dass dort die Methoden der konventionellen Landwirtschaft als einzige gangbarer Weg gelehrt werden.

Forschung

Gisela Sengl forderte Investitionen in Forschung, und zwar in den Bereichen Sorten, Zucht und Maschinenbau. Neue Maschinen werden gebraucht, da ein eher kleinteiliger Anbau und die vielfältigen Sonderkulturen andere Anforderungen stellt als der an Massenproduktion orientierte konventionelle Anbau. Auch sind beim Maschinenverleih praktische Grenzen gesetzt, da bestimmte Maschinen meist zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten gebraucht werden.

Ökologische Landwirtschaft in Bayern

Gegenwärtig liegt der Anteil der ökologischen Landwirtschaft in Bayern bei gut 6%. Der bayerische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Helmut Brunner, hat als Ziel für das Jahr 2020 einen Anteil von 12% ausgegeben. Dass ihm der Weg dahin nicht immer leicht gemacht wird, konnte Gisela Sengl in ihrer Eigenschaft als Landtagsabgeordnete bezeugen. Als Positivbeispiel darf Österreich mit einem Anteil von 17% ökologischer Landwirtschaft gelten.

Während in anderen Regionen Deutschlands sehr große landwirtschaftliche Betriebe überwiegen, eignet sich die durchschnittliche Betriebsgröße in Bayern von 34 Hektar sehr gut für den ökologischen Anbau. Gänzlich ohne Zweifel ist, dass die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln nach wie vor kontinuierlich steigt. Die Produktion kommt jedoch kaum nach, selbst bei für unsere Anbaugebiete typischen Erzeugnissen: 10% der Bio-Eier, 33% der Bio-Milch, 39% der Bio-Butter und 42% der Bio-Karotten werden importiert. Ein Großteil der Äpfel, insbesondere Apfelsaftkonzentrat, stammt aus China. Kaum verständlich ist außerdem das Nachlassen der Kartoffelproduktion hierzulande; ein Großteil der hier verkauften Frühkartoffeln stammt aus Ägypten, aus einem Gebiet also, wo es ohne intensive Bewässerung kaum Ertrag gibt. Schwer nachvollziehbar ist, dass der Bauernverband die ägyptischen Anbaugebiete als "Gunstgebiete" bezeichnet. Gisela Sengl konnte aber von einem positiven Gegenbeispiel berichten: so gelang es der Solidargemeinschaft Brucker Land kürzlich, ägyptische Frühkartoffeln aus dem Sortiment von Edeka zu verbannen.


Regionale und saisonale Produkte

Will man sich konsequent regional ernähren, beschränkt man sich natürlicherweise auf saisonale Produkte, etwa Erdbeeren im Frühsommer und Äpfel ab September. Zwar können die Ernteperioden durch Gewächshäuser und Kühlhäuser ausgedehnt werden, was aber in ökologischer und qualitativer Hinsicht Einbußen mit sich bringt. In Gisela Sengls Vortrag und den Wortbeiträgen der Teilnehmer wurde deutlich, dass das Abwägen der Ökobilanzen von Importen auf der einen Seite und Kühlhäusern auf der anderen Seite nicht immer einfach ist.

Wenn Lebensmittel regional erzeugt werden und zu einem gerechten Preis zum Verbraucher gelangen, bleibt die Wertschöpfung in der Region. Zudem hat der Verbraucher mehr Kenntnis vom Lebensmittel und seiner Erzeugung, womit die Wertschätzung für das Produkt steigen dürfte. Wünschenswert ist dies vor allem angesichts der Tatsache, dass in Deutschland ca. 13% der verfügbaren Lebensmittel weggeworfen werden.

In der Diskussion erhob sich die Frage, ab welcher Entfernung zwischen Erzeuger und Verbraucher man noch von regionaler Erzeugung sprechen kann. Eine allgemeine Antwort konnte nicht gefunden werden, es gab aber einen Konsens darüber, dass Regionalität je nach Produkt differenziert zu sehen ist; so muss regional erzeugter Wein nicht unbedingt aus einem Radius von 20 km stammen, bei regional erzeugten Eier oder Kartoffeln ist das schon anders.

Außer Zweifel steht, dass ein umweltbewusster Verbraucher sich so regional und saisonal wie möglich ernährt.

Faire Milchpreise

Der Marktpreis für Milch ist immer wieder starken Schwankungen unterworfen; momentan ist er sehr niedrigem Niveau. Ein Milchbauer ist vor die Wahl gestellt, die niedrigen Preise über eine Produktionssteigerung zu kompensieren, was immer auf Kosten von Tierwohl, Naturschutz und Verbrauchergesundheit geht, oder einen Abnehmer zu finden, der einen gerechten Preis zahlt. Eine Direktvermarktung von Milch ist abgesehen von der Abgabe in Kleinstmengen unter bestimmten Bedingungen nicht möglich, also ist eine Molkerei notwendig. Beispiele für Molkereien in Bayern, die einen gerechten, vom Weltmarktpreis abgekoppelten Milchpreis zahlen, wären die Milchwerke Berchtesgadenener Land und die Molkerei Scheitz (Andechser Natur).

Prämien und Subventionen

Übereinstimmung herrschte darüber, dass die Zuschüsse der EU gerechter und mit dem Blick aufs Ganze verteilt werden müssten. Schließlich handelt es sich um die öffentlichen Gelder, und viele Leistungen einer naturnahen Landwirtschaft kommen der Öffentlichkeit zugute, etwa gesunde Böden, sauberes Trinkwasser, saubere Luft, Landschaftspflege. Eine solche Förderung gibt es in Bayern in Form des Kulturlandschaftsprogramms (KULAP). Deutliche Kritik an der Handhabung der Förderung kam allerdings von einer Biobäuerin, da sich die jüngst fällige Auszahlung der Summe wesentlich verzögert hat. Als weiterer Kritikpunkt wurde geäußert, dass bei Haltern von lebensmittelerzeugenden Tieren die Zahlung von Prämien zum Umwelterhalt offenbar daran geknüpft wird, wie es der Halter mit der - nicht unumstrittenen - Impfung hält.

Grundsätzlich begünstigt die gegenwärtige Subventionspraxis der EU große bis sehr große Betriebe und benachteiligt damit relativ gesehen Betriebe, die aufgrund ihrer Größe für biologischen Anbau geeignet sind.

Tierhaltung

Entgegen verbreiteter idyllischer Vorstellungen und der Tourismuswerbung sind in Bayern nur 16% des Milchviehs auf der Weide zu sehen. Freilich ist die Weidehaltung arbeitsintensiver, insbesondere wenn die Tiere auf weitläufigen Flächen zusammen getrieben werden müssen, und es werden große Flächen benötigt. Als sehr gute Lösung auch im Sinne des Tierwohls gilt ein saisonaler Wechsel mit Anbindehaltung im Winter und Weidehaltung im Sommer. Eine weitere Möglichkeit sind gut belüftete Laufställe. Problematisch hingegen ist eine ganzjährige Anbindehaltung.

Zusammenfassung

Der Wunsch der Veranstalter, dass Bauern und interessierte Verbraucher miteinander ins Gespräch kommen, wurde voll und ganz erfüllt: zunächst in der großen Diskussionsrunde im Anschluss an den Vortrag von Gisela Sengl und danach in kleineren Runden an den einzelnen Tischen. Die beteiligten Landwirte legten Ihre Einschätzung zur Entwicklung der biologischen Landwirtschaft dar, verknüpft mit den Erfahrungen, die sie mit der konventionellen oder der biologischen Landwirtschaft, dem Bauernverband und dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gemacht hatten.

Im Verlauf der Veranstaltung wurde deutlich, welche Chancen, Herausforderungen und Probleme eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft mit sich bringt. Unter den häufig genannten Schwierigkeiten sind Vorschriften der EU, die in Bayern vergleichsweise streng umgesetzt werden, die fehlende Unterstützung durch den Bauernverband und die nicht ausreichend zuverlässigen und langfristigen Fördergelder.

Deutlich wurde außerdem, dass ein Biolandwirt kaum darum herumkommt, sich mit der Vermarktung seiner Produkte zu befassen. Das wirtschaftliche Wohlergehen steht und fällt mit loyalen und fairen Abnehmern, was bei typischen Kunden von Hofläden und Bauernmärkten sicherlich gegeben ist.

Insgesamt war die Veranstaltung sicherlich von großem Gewinn für alle Beteiligten, sowohl für die interessierten Verbraucher als auch für die Landwirte.

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